Dienstag, 15. August 2017

Mariä Himmelfahrt

Plinio Corrêa de Oliveira


Wir haben einen Bericht über Mariä Himmelfahrt, wie es die sel. Seherin Anna Katharina Emmerick beschrieben hat.
„In der Nacht nach der Beisetzung Marias geschah die Himmelfahrt der Jungfrau mit ihrem Leib. Ich sah mehrere Apostel und heilige Frauen in dem Gärtchen vor dem Grabfelsen beten und singen. Es senkte sich aber eine breite Lichtbahn vom Himmel zu dem Felsen, und ich sah in ihr eine Glorie von drei Kreisen. Von Engeln und Geistern sich niederbewegen, welche die Erscheinung unseres Herren und der leuchtenden Seele Marias umgaben. So wie bei Unserem Herrn war auch ihre Seele drei Tage vom Leibe getrennt.“
Sie sehen, dass ihre Seele einige Zeit vom Leib getrennt war. Dann kam sie zum Leib zurück geführt von Engeln und Geistern.
„Die Erscheinung Jesu Christi mit hellstrahlenden Wundmalen schwebte vor ihr her“.
Das heißt die zweite Person der Dreifaltigkeit wollte persönlich hernieder kommen um der Auferstehung Marias vorzustehen.
„Im innersten Kreis der Glorie wo die Seele Marias war, sah man drei Engelchöre.“
Die drei Chöre der Engel bildeten einen Strahlenkranz, in dessen Mitte die heiligste Seele der Muttergottes war.
„Um die Seele Marias sah ich im innersten Kreis der Glorie nur kleine Kindergestalten, im zweiten Kreis erschienen sie wir von sechsjährigen Kindern und im äußersten gleich erwachsenen Jünglingen.“
Wahrscheinlich um die sich folgenden Grade der Spiritualität zu symbolisieren. Kinder sind das Bild der Reinheit und so wies die Erscheinung auf die höchste und edelste Form von Spiritualität hin.
„Nur die Angesichter erkannte ich deutlich, alles Übrige sah ich nur wie schimmernde Lichtgestalten. Als diese Erscheinung, immer deutlicher werdend, sich bis auf den Felsen ergossen hatte, sah ich von ihr bis hinauf in das himmlische Jerusalem eine leuchtende Bahneröffnet. Nun aber sah ich die Seele der heiligen Jungfrau, welche der Erscheinug Jesu folgte, bei dieser vorüber durch den Felsen in das Grab niederschweben und bald darauf, mit ihrem verklärten leib vereinigt. Viel deutlicher und leuchtender aus demselben heraussteigen und mit dem Herrn und der ganzen Glorie in das himmlische Jerusalem hinaufziehen, worauf aller Glanz wieder einsank und der stille Sternenhimmel die Gegend bedeckte.“
„Vier Tage später sah ich die Apostel am Abend noch im Gebet und Trauer in ihrem Raume. Da sah ich den Apostel Thomas mit einem Begleiter vor dem Tor des Hofes anlangen und pochen.“
„Nun aber verlangte Thomas und der Begleiter nach dem Grabe der heiligen Jungfrau. Bei dem Grabe angekommen, warfen sie sich auf die Knie nieder. Thomas aber eilte zuerst nach dem Eingang der Höhle. Johannes folgte ihm. — Dann nahte sich Johannes dem leichten Korbsarge, löste die drei großen Binden auf, welche den Deckel umschlossen, und stellte diesen zur Seite, nun leuchteten sie in den Sarg uns sagen mit tiefer Erschütterung die Grabtücher des heiligen Leibes in der ganzen Form der Einhüllung leer vor sich liegen. Über dem Angesicht und der Brust waren sie auseinandergeschlagen, die Umwindungen der Arme lagen leicht aufgelöst, doch noch in gewickelter Form, wie sie gelegen, aber der verklärte Leib Marias war nicht mehr auf der Erde. Sie blickten mit aufgehobenen Armen staunend empor, als sei der heilige Leib ihnen jetzt erst entschwunden und Johannes rief zu der Höhle hinaus: Kommt und staunt, sie ist nicht mehr hier!

Es ist interessant die Ordnung zu bemerken, in der die Grabtücher gelegen waren. Warum kann man diese Einzelheit für wichtig halten? Gott liebt nämlich dermaßen das Gute, er liebt die Welt, die er erschaffen hat, und er will, dass die gute Ordnung über alle Dinge herrscht. Alles, was von ihm oder durch die Eingabe seiner Gnade gemacht wurde, ordnet sich auf eine richtige und angebrachte Weise an. Es gibt eine Art Bündnis des Metaphysischen mit dem Übernatürlichen. Das Übernatürliche vervollständigt was metaphysisch gut zusammengeführt, metaphysisch gut aufgestellt ist, und deshalb stellen alle Einflüsse der Gnade die Ordnung in der Natur her. Es ist das Gegenteil der Auswirkungen des Teufels.
Immer wenn es dem Teufel gestattet wird zu erscheinen oder die Seelen zu beeinflussen, kennzeichnet sich dieser Einfluss durch fürchterliche Verwirrungen, Aufwühlungen; wenn er eine Person heimsucht äußert er sich durch Zuckungen und groteske Gesten; in einer Wohnung verursacht er Geräusche und Radau, verschiebt Möbel, sorgt nur für Unordnung. 
Da verstehen wir, dass alle Bereiche der Ordnung und alle Aspekte der Ordnung unter sich solidarisch sind, sie gehören untrennbar zusammen. Aber auch alle Bereiche und Aspekte der Unordnung sind zusammengehörig unter sich. So verstehen wir die Einheit der Revolution und die Einheit der Gegenrevolution.
Die Revolution kann nicht als eine nur politische Bewegung oder als eine nur religiöse oder nur kulturelle Bewegung angesehen werden, sie ist die Tendenz zur Subversion und zur Unordnung in allem. So auch die Gegenrevolution: Sie ist nicht nur eine politische, religiöse oder kulturelle Bewegung. Um vollständig zu sein, muss sie einen Geist besitzen, sie muss von einer Gnade belebt werden, die alles in Ordnung versetzen will. Hier sehen wir wie eine kleine Einzelheit uns Gelegenheit gibt über das Zusammenwirken aller Formen der Ordnung, wie auch der Unordnung nachzudenken.
Weiter der Text von Anna Katharina Emmerick.
 „Da traten sie alle paarweise in die Höhle und sahen mit staunen die leeren Grabtücher vor sich liegen, und hinausgetreten, knieten alle zur Erde, sahen die Arme gen Himmel hebend empor, weinten und beteten, priesen den Herrn und seine liebe verklärte Mutter. — Da erinnerten sie sich wohl und gedachten jener Lichtwolke, welch sie gleich nach der Begrabung auf dem Heimweg aus der Ferne gesehen, wie sie auf den Grabhügel niedergesunken und dann wieder emporgeschwebt war.“
„Johannes aber nahm die Grabtücher der heiligen Jungfrau mit großer Ehrfurcht aus dem Sargkorbe, faltete und rollte sie ordentlich zusammen und nahm sie zu sich. Betend und Psalmen singend, wandelten sie auf dem Kreuzwege zu dem Hause. Hier gingen alle in den Wohnraum Mariä. Johannes legte hier die Grabtücher ehrerbietig auf das Tischchen vor dem Betwinkel der heiligen Jungfrau. Thomas und die anderen beteten noch auf der Stelle, wo sie gestorben. — Petrus zog sich abgesondert zurück; vielleicht bereitete er sich vor, um einen  feierlichen Gottesdienst zu halten.“
Er ist der Fürst der Apostel, so dass es ihm zukam die erste Messe der Aufnahme Mariens in den Himmel zu zelebrieren.
„Hierauf sah ich den Altar vor dem Betort Mariä, wo deren Kreuz stand, aufrichten…“
Das Kreuz, vor dem die Muttergottes gewöhnlich betete.
„... und Petrus einen feierlichen Gottesdienst hier halten. Die übrigen Apostel standen reihenweise hinter ihm und beteten und sangen wechselseitig. Die heiligen Frauen standen mehr zurück an de Türen und an der Rückseite der Feuerstelle. Der einfältige Knecht  des Thomas war ihm aus dem fernen Lande, wo er zuletzt gewesen war gefolgt. Er hatte ein ganz fremdes Aussehen. Er hatte kleine Augen, eine eingedrückte Stirne und Nase und hohe Backenknochen. Seine Farbe war bräunlicher als hierzulande. Er war getauft und außerdem aber ganz wie ein unerfahrenes, gehorsames Kind. Er tat alles, was man ihm befahl, er blieb stehen, wo man ihn hinstellte, sah hin, wo man es gebot, und lachte jedermann an. Als er Thomas weinen sah, weinte auch er bitterlich. Dieser Mansch ist immer bei Thomas geblieben, er konnte große Lasten tragen, und ich habe ihn ganz gewaltige Steine heranschleppen sehen, als Thomas eine Kapelle baute.“

Sehr schön ist dieser Treuerweis eines Knechtes, der alles tut, was sein Herr im aufträgt und auch fühlt wie sein Herr fühlte und so ganz eins mit ihm ist. Eine Vorstellung, die die Welt heute vollständig verloren hat, dieses edlen Begriffs der Treue, nach dem zwei Personen unterschiedlichen Standes sich nicht hassen, sondern sich gegenseitig schätzen. Nicht nur schätzen sie sich, aber sie verschmelzen wie zu einem Ganzen, so dass man sich fast gar nicht mehr den einen ohne den anderen vorstellen kann. Ritter und Knappe im Mittelalter befanden sich in diesem Verhältnis.
Es gibt unzählige Beispiele eines solchen Zustandes. Das schönste, was mir gerade in den Sinn kommt, war das eines Märtyrers, dessen Namen ich leider vergessen habe, der Messdiener eine Papstes war – auch dessen Namen ist mir entgangen. Als dieser Papst zum Martyrium geführt wurde, näherte sich der Messdiener und sagte: „Heiliger Vater, sie schreiten zum Martyrium und werden mich allein lassen. Kann es sein, dass sie mich in der Stunde ihres letzten Opferganges verlassen, der ich doch täglich ihnen bei der heiligen Messe diente?“ Und beide empfingen nun die Palme des Martyriums.
Welcher Adel und Schönheit von Gedanken beinhaltet solch eine Beziehung. Es zeigt uns, wie die Treue zu einer wirklichen Teilnahme an dem gleichen Ruhm führen kann, und wie die Welt heute dies alles vergessen hat.


So haben wir zwei Betrachtungen zur Aufnahme Mariens in den Himmel.

Vortrag am 14. August 1963

(Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira. Er wurde frei übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne eine Überarbeitung des Autors.)

Freitag, 4. August 2017

Das Heiligste Herz Jesu: Hoffnung in einer hoffnungslosen Welt



Plinio Corrêa de Oliveira

Wenn es eine Epoche gibt, in der die Hoffnung einzig und allein auf das Herz Jesu liegt, dann ist dies die unsere. Die durch die Menschen begangenen Übel lassen sich kaum überbieten. Um nur einige davon zu nennen, braucht man nur auf die Gotteslästerungen und die Zerstörung der Familie durch Abtreibung, Ehescheidung, Euthanasie, Pornographie, Homoehe und so weiter hinzuweisen.
Papst Pius XI. sagte einmal, dass die heutige Welt derart moralisch verdorben ist, dass sie schnell in ein noch tieferes geistiges Elend abstürzen könnte als jenes, das in der Zeit der Geburt Unseres Herrn herrschte.
In Anbetracht der heutzutage unaufhörlich begangenen Sünden, taucht natürlich die Idee der göttlichen Bestrafung auf. Wenn wir diese sündhafte Welt ansehen, die unter der Last von Tausenden Krisen und Bedrängnissen leidet und nichtsdestotrotz reuelos ist. Wenn wir den furchtbaren Fortschritt des die ganze Welt umfassenden Neuheidentums ins Auge fas­sen und wenn wir, andererseits, die Unent­schlossenheit, die Blindheit und die Unei­nigkeit der sogenannten Guten sehen, erfüllt uns das selbstverständlich vor den düsteren katastrophalen Perspektiven, welche die heutige Generation bedrohen, mit großer Sorge.
Die Vorstellung, dass so viele Verbrechen keine Bestrafung verdienen, dass eine so breite Apostasie Ergebnis irgendwelches intellektuellen Irr­tums sei, entspringt eher einer liberalen Mentalität.
Die Wirklichkeit ist eine ganz andere, denn Gott verlässt Seine Geschöpfe nie. Ganz im Gegenteil. Er gibt ihnen die notwendigen Gnaden, damit sie den richtigen Weg ein­schlagen. Wenn sie einen anderen Weg neh­men, dann sind sie selbst schuld daran.
Dies ist das düstere Bild der heutigen Welt: einerseits haben wir eine sündhafte Zivili­sation, andererseits hebt der Schöpfer die göttliche Geißel und schwingt sie.
Gibt es nichts mehr für die Menschheit als Feuer und Schwefel? Weil wir im Anfang des neuen Millenniums sind, können wir auf eine Zukunft außer der Geißel hoffen, die durch die Heiligen Schriften für die Ver­stocktheit der letzten Tage vorausgesagt ist? Wenn Gott nur allein gemäß Seiner Gerechtigkeit handeln würde, dann gibt es keinen Zweifel, was uns erwartet.
Dennoch, da Gott nicht nur gerecht sondern auch barmherzig ist, sind die Tore der Erlösung für uns noch nicht geschlossen worden. Ein Volk, das in seiner Gottlosigkeit beharrt, hat jeden Grund, die Strenge Gottes zu erwarten. Jedoch will Er, der unendlich barmherzig ist, den Tod die­ser sündigen Generation nicht, sondern dass sie sich bekehre und am leben bleibe (Ezech18,23). Seine Gnade verfolgt also alle Menschen und lädt sie ein, ihre schlech­ten Wege zu verlassen und zur Herde des Guten Hirten zurückzukehren.
Wenn eine reuelose Menschheit jeden Grund hat, jede Katastrophe zu fürchten, hat eine reuige Menschheit jeden Grund, jede Gnade zu erwarten. Tatsächlich, damit die Barmherzigkeit Gottes auf den zerknirschten Sünder wirken kann, braucht seine Reue nicht den ganzen Weg gegangen sein. Selbst wenn er in den Tiefen der Grube sich befindet, wenn er sich aufrichtig und ernsthaft Gott zuwendet, wird er sofort Hilfe erfahren, denn Gott ignoriert auch den Sünder nie.
Der Heilige Geist sagt in der Heiligen Schrift: „Vergisst eine Frau ihren Säugling, eine Mutter den Sohn ihres Schoßes? Mögen selbst diese vergessen, ich aber verges­se dich nicht“ (Is 49,15). Das heißt, sogar in solchen äußersten Fällen, wo eine Mutter aufgibt, Gott tut es nicht. Die Barmherzigkeit Gottes nützt dem Sünder, auch wenn die göttliche Gerechtigkeit ihn auf dem Weg zum Bösen erfasst. Der moder­ne Mensch darf diese zwei grundle­genden Konzepte der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit Gottes nicht aus dem Auge verlieren: Gerechtig­keit, damit wir nicht wagen anzuneh­men, dass wir uns ohne Verdienste retten können; Barmherzigkeit, dass wir an die Rettung unserer Seele nicht verzweifeln, sobald wir die Sün­den bereuen und von neuem anfan­gen.

Gott ist Liebe. Deswegen ruft die bloße Erwähnung des heiligsten Namens Jesu Liebe herbei. Es ist die unendliche, grenzenlose Liebe, die die zweite Person der Heiligsten Dreifaltigkeit dazu brachte, Mensch zu werden. Es ist die Liebe, die in der völligen Erniedrigung eines Gottes, der zu uns als ein armes, in einem Stall geborenes Kind, ausgedrückt ist.
Es ist die Liebe, erwiesen in jenen dreißig Jahren des verborgenen Lebens in der Demut einer strengsten Armut; erwiesen in den drei harten Jahren der Evan­gelisierung, als der Menschensohn Landstraßen bereiste, Berge bestieg, Täler, Flüs­se und Seen durchquerte, Städte und Dörfer besuchte, durch Wüsten und kleine Ortschaften ging, mit Reichen und Armen redete, Liebe verstreuend und oft Undankbarkeit erntend. Es ist die Liebe, ausgedrückt im Letzten Abendmahl bei der Fußwaschung der Apostel, und die Einsetzung der heiligen Eucharistie. Es ist die Liebe, die ihn antrieb Judas, nach dem verräterischen Kus­s, als Freund anzusprechen;  auch dem herzzerreißenden Blick auf Petrus strömte unendliche Liebe aus. Liebe auch gegenüber den Beleidigungen, die er geduldig und sanftmü­tig erlitt und dem Leiden bis zum letzten Tropfen seines Blutes.

Es ist die Liebe, die den sterbenden Schächer ver­zeiht und ihm ermöglichte, den Himmel zu „stehlen“. Schließlich ist es die Liebe, die im Geschenk einer himmli­schen Mutter an eine elende Menschheit ausgedrückt ist! Jede dieser Episoden wurde von den Gelehrten sorgfältig studiert, durch Künstler wunderbar ausgedrückt, von Heiligen fromm betrachtet und vor allem unvergleichlich in der Gottesliturgie gefeiert. In ihr drückt die Kirche besonders die unendliche Liebe Unseres Herrn gegenüber den Menschen aus. Da sein Herz das Symbol der Liebe ist, feiert die Kirche die Liebe, wenn sie sein Herz verehrt.

Dienstag, 1. August 2017

Madonna del Miracolo


Unsere Liebe Frau von Miracolo
 - 20. Januar -

Plinio Corrêa de Oliveira

Im Jahre 1842 besuchte ein 28-jähriger französischer Jude namens Alphonse Ratisbonne Rom. Er war der jüngste Sohn einer bedeutenden Bankiersfamilie in Straßburg, die enge Beziehungen zu den Rothschilds hatte. Wie es oft bei europäischen Juden geschieht, nimmt eine Familie den Namen einer Stadt an. Der französische Ratisbonne stammte aus Ratisbona, dem lateinischen Namen von Regensburg, einer berühmten deutschen Stadt in Bayern. Alphonse war ein Jude von Rasse und Religion, virulent anti-katholisch und führte einen sittlich zügelloses Leben.

Er machte gerade eine Tour durch Europa und den Osten vor der Vermählung mit seiner Cousine Flore und vor Beginn einer Partnerschaft bei der Bank seines Onkels. Durch Zufall landete er in Rom statt in Palermo, wie er beabsichtigt hatte. Er wurde vom dortigen Französischen diplomatischen Kreis freundlich empfangen. Widerwillig machte er einen Anruf an Baron Theodore de Bussières, ein sehr eifriger Katholik. Wenn auch Ratisbonne ziemlich weit entfernt von einer Bekehrung war, sah der Baron, unbeirrt von dessen Sarkasmus und Gotteslästerungen, in ihm einen zukünftigen Katholiken und ermutigte seine Besuche.

Eines Nachmittags, während eines lebhaften Gesprächs, in dem Ratisbonne den Aberglauben der katholischen Religion lächerlich machte, forderte der Baron ihn auf, sich einem einfachen Test zu unterwerfen und die Wundertätige Medaille zu tragen. Erschrocken, aber um die Unwirksamkeit solchen religiösen Tands zu beweisen, stimmte Ratisbonne zu und erlaubte der jungen Tochter des Barons, die Medaille um seinen Hals zu legen. Baron de Bussières bestand auch darauf, dass Ratisbonne jeden Tag einmal das Memorare beten sollte. Ratisbonne versprach es und sagte: „Wenn es mir nicht gut tut, schaden wird es mir wenigstens auch nicht“.

Der Baron und ein enger Kreis der aristokratischen Freunde vermehrten ihre Gebete für den skeptischen Juden. Bemerkenswert unter ihnen war ein frommer Katholik, der ernsthaft krank war, Graf Laferronays, der sein Leben für die Bekehrung des jungen Juden angeboten hat. Am selben Tag ging er in eine Kirche und betete mehr als 20 Memorare für dieses Anliegen. Kurz darauf erlitt er einen Herzinfarkt, bekam noch die letzten Sakramente und starb.

Am nächsten Tag war sein Freund Baron de Bussières auf dem Weg, um die Beerdigung des Grafen in der Basilika St. Andrea delle Fratte zu vereinbaren, als er Ratisbonne traf. Er bat ihn, ihn zu begleiten und in der Kirche zu warten, bis er einige Sachen mit dem Priester in der Sakristei besprochen hatte.

Ratisbonne begleitete seinen Freund nicht in die Sakristei. Er wandelte durch die Kirche und bewunderte den schönen Marmor und verschiedene Kunstwerke. Als er vor einem Seitenaltar stand, der dem Heiligen Erzengel Michael gewidmet war, erschien ihm plötzlich Unsere Liebe Frau. Es war der 20. Januar 1842.



Die Muttergottes erschien stehend über dem Altar, mit einer Krone und einer einfachen, langen, weißen Tunika mit einem juwelenbesetzten Gürtel um ihre Taille und einen blau-grünem Mantel, der über ihre linke Schulter drapiert war. Sie sah ihn freundlich an. Aus ihren offen ausgebreiteten Händen strömten Gnadenstrahlen herab. Ihre Haltung war sehr königlich, nicht nur wegen der Krone, die sie trug. Vielmehr verlieh ihre Größe und Eleganz den Eindruck einer hohen Dame, die sich ihrer eigenen Würde bewusst war. Sie strahlte zugleich Größe und Barmherzigkeit aus in einer Atmosphäre von großem Frieden. Sie hatte einige der Eigenschaften der Gnadenfrau der wundertätigen Medaille. Alphonse Ratisbonne sah diese Gestalt und verstand, dass er vor einer Erscheinung der Muttergottes war. Er kniete sich vor ihr nieder und bekehrte sich.

Als der Baron von der Sakristei zurückkehrte, war er überrascht, den Juden vor dem Altar des Heiligen Erzengel Michaels inbrünstig betend auf den Knien zu sehen. Er half seinem Freund aufstehen, und Ratisbonne bat sofort, um einen Beichtvater, damit er die Taufe empfangen könnte. Elf Tage später, am 31. Januar, erhielt er Taufe, Firmung und seine erste heilige Kommunion aus den Händen von Kardinal Patrizi, dem Vikar des Papstes.

Seine Bekehrung hatte enorme Auswirkungen auf die ganze Christenheit. Die gesamte katholische Welt nahm Kenntnis von ihr und war höchst beeindruckt. Später wurde Ratisbonne Jesuitenpriester. Zehn Jahre später gründeten er und sein Bruder Theodore, der sich auch aus dem Judentum bekehrt hatte, eine religiöse Gemeinde, die „Kongregation von Sion“, die sich der Bekehrung der Juden widmete.

Alphonse Ratisbonne (r) und sein Bruder Theodore
Die Bedeutung des Wunders

Kurz nach der Erscheinung, wurde ein Bild gemalt, das Unsere Liebe Frau darstellte, so wie sie, nach der Beschreibung von Fr. Ratisbonne, ihm damals in Sant 'Andrea delle Fratte erschienen war. Als das Bild fertig war, sah er es an und sagte, dass es nur sehr vage die Schönheit der Erscheinung, die er gesehen hatte, wiedergab. Das ist nicht schwer zu glauben, denn die eigentliche Schönheit Unserer Lieben Frau übertrifft notwendigerweise weit jede menschliche Darstellung. Das Bild wurde genau an der Stelle augestellt, wo sie ihm erschienen war, und wurde bekannt als „Madonna del Miracolo“, Unserer Lieben Frau vom Wunder, was sich auf das zweifache Wunder, ihre Erscheinung und die sofortige Bekehrung von Alphonse Ratisbonne, bezog.


Natürlich war diese Erscheinung von großem Vorteil für die Seele von Ratisbonne. Es war aber auch ein Vorteil für die katholische Kirche mit der Gründung der Kongregation von Sion, mit seiner besonderen Aufgabe, für die Bekehrung der Juden zu arbeiten. Dieser Orden drückt die Haltung der Kirche gegenüber den Juden sehr gut aus. Ihre Position ist nicht, die Juden zu hassen, sondern sich gegen ihre Angriffe zu verteidigen. In dem Maße wie sie die Kirche angreifen, verteidigt sie sich. Vor allem aber wünscht sie ihre Bekehrung, die Auflösung des Judentums als eine Religion und den Eintritt der Juden in die katholische Kirche, die die wahre Fortsetzung des auserwählten Volkes ist.

Aber im doktrinären und psychologischen Kontext der damaligen Zeit hatte das Ratisbonne-Wunder eine tiefere Bedeutung. Im 19. Jahrhundert förderte die Revolution stark den Rationalismus, eine Denkschule, die heute veraltet erscheint. Damit betonte die Revolution folgendes: Der rationale Mensch, der Mensch, der versucht, alles nach der Vernunft zu bestimmen, kann nicht die notwendige Unterstützung in der Vernunft finden, um zu glauben, dass Gott existiert, dass die katholische Kirche die wahre Religion ist und dass sie von Jesus Christus gegründet wurde. Damit kam die Revolution zu dem Schluss, dass die menschliche Vernunft das ganze Bauwerk der katholischen Lehre nicht akzeptieren kann.

Diese revolutionären Behauptungen waren nur Mythen, wie die römische Mythologie oder die Legenden der indigenen und afrikanischen Völker. Die meisten der rationalistischen Argumente waren Schikanen oder Sophismen, die von spitzfindigen Argumenten ausgingen. Weil aber die Revolution unermüdlich auf diesen Punkten bestand und eine Flut von Einwänden gegen die katholische Lehre vorstellte, verloren viele Menschen dieser Zeit ihren Glauben.

Um dieser unerbittlichen Welle der Angriffe gegen den katholischen Glauben entgegenzuwirken, erschien die Gottesmutter an mehreren Orten und bestätigte ihre Erscheinungen durch eklatante Wunder.


Das Wunder der Bekehrung Ratisbonne‘s in Rom, erschütterte die ganze Christenheit. In jenen Zeiten gab es nicht diesen verheerenden Ökumenismus, den wir heute erleben. Damals war die Trennung der Religionen viel gründlicher und dementsprechend war auch die Schlucht tiefer, die die Wahrheit vom Irrtum und das Gute vom Bösen trennte. Ein reicher und einflussreicher Jude, der absolut kein Grund hatte, die katholische Kirche zu begünstigen, bekehrte sich plötzlich, weil er die Muttergottes gesehen hatte. Er bezeugte seine Aufrichtigkeit, indem er seine Positionen in der Welt und sein vorteilhaftes Engagement aufgab. Er umarmte das religiöse Leben und gründete eine religiöse Gemeinde, um andere Juden zu bekehren und das Judentum zu bekämpfen. Es ist unmöglich, sich einen objektiveren Beweis für die Wahrhaftigkeit der Erscheinung vorzustellen. Diese Episode hatte enorme Auswirkungen in Italien und Frankreich und in der ganzen katholischen Welt.

Es war offensichtlich ein Wunder, ein Wunder, das vom Himmel fiel, wie ein Tropfen Wasser auf einer ausgedörrten Menschheit, die unter dem Einfluss der rationalistischen Mythen der Revolution stand.


Die göttliche Vorsehung hatte schon 1830 etwas Ähnliches mit den Erscheinungen in der Rue du Bac (Paris) an die hl. Katharina Labouré gemacht. Dort hat unter anderem die Gottesmutter der Welt die wundertätige Medaille gegeben und einen Strom von Gnaden und Wundern der Menschheit eröffnet. Die Muttergottes erschien auch 1858 in der Grotte von Lourdes, und bald darauf gab es Berichte über viele Heilungswunder für diejenigen, die im dortigen Quellwasser ein Bad nahmen. Die Wunder von Lourdes bilden die längste Reihe von Wundern, die jemals in der Geschichte der Kirche aufgetreten ist. In diese Folge von Erscheinungen reiht sich auch die der „Madonna del Miracolo“ an Alphonse Ratisbonne in Rom ein.

Diese Reihe von Erscheinungen und Wundern war der Schlag zu dem sich Unserer Lieben Frau entschied, der Revolution in dieser Zeit zu geben. Es war ein geschickter strategischer und gut berechneter Gegenangriff. Es war ihr Weg, den Kopf der Schlange zu zertreten. Der Kopf des Judentums wurde von dem öffentlichen Zeugnis eines bedeutenden Juden zerschlagen, der nun behauptete, die katholische Kirche ist die wahre Kirche.

Wir sollten also die Wunder analysieren, die die göttliche Vorsehung uns schickt, auf der Suche nach höheren Regeln, mit denen sie regiert. Wunder werden in den Zeiten häufiger, in denen sie notwendiger sind.

Das Wunder, das wir heute brauchen

Heute haben wir die Situation erreicht, wo die Aktion des Teufels mit jedem Tag deutlicher wird. Ich spreche nicht über UFOs und die Hippie-Revolution. Meiner Meinung nach ist es klar, dass diese Phänomene mit einem außernatürlichen  Einfluss verbunden sind.

Ich beziehe mich aber auf das Aussterben der Vernunft in der öffentlichen Meinung. Dass die Menschen effektiv aufgehört haben, ihre Vernunft zu benutzen — wie in den 80er und 90er Jahren — und nur noch durch temperamentale Impulse handeln, ist etwas, was man nicht erklären kann, außer durch eine besondere Aktion des Teufels. Er macht eine enorme Anstrengung, die Revolution in Gang zu halten, ungeachtet ihres Versagens, die öffentliche Meinung zu überzeugen. Da wir diese außernatürliche Handlung nicht erklären können, ist es auch schwierig, sie effizient zu bekämpfen. Sie wächst weiter und erreicht ein Ausmaß, wonach es mir scheint, dass ein außerordentliches Wunder Not tut.

Was für ein Wunder soll es sein? Welches Wunder könnte den zeitgenössischen Menschen bewegen, um zum katholischen Glauben zurückzukehren? Die geheimnisvollen Absichten Gottes sind jenseits der Erkenntnis des Menschen. Aber das hindert uns nicht daran, nachzudenken, was Er in der Vergangenheit getan hat.

Der zeitgenössische Mensch ist dermaßen hartherzig, dass er nicht einmal mehr von Wundern berührt wird, wie es Ratisbonne erlebt hat, oder von den spektakulären Wundern von Lourdes.
Der Altar auf dem die Muttergottes erschien
Vorne rechts und links die Marmorbüsten der beiden Brüder Ratisbonne

Meiner Meinung nach sind zwei Wunder notwendig:

Als erstes brauchen wir ein Wunder, das die guten Katholiken dazu bewegen würde, nicht mit der vorherrschenden Meinung des revolutionären Milieus einverstanden zu sein. Sie sollten dieser Meinung gleichgültig gegenüberstehen. Außerdem sollten sie die Offensive gegen das revolutionäre Gedankengut  ergreifen. Dies ist der erste Teil dessen, was notwendig ist. Es ist, was zu Pfingsten geschehen ist: Feuerzungen erschienen über den Aposteln, und sie verließen das Zönakel mit dem Mut, allen entgegenzutreten. Vorher waren sie ängstlich, nun aber wurden sie unbesiegbare Kämpfer.

War es etwas Innerliches oder Äußerliches, was dort stattfand? Ich weiß es nicht. Die ganze Stadt Jerusalem hörte ein gewaltiges Brausen, das aus dem Zönakel kam. Es scheint also, dass es nicht nur ein inneres Geschehen in ihren Seelen war, sondern dass ein äußeres Wunder dem entweder vorausging oder folgte. Was wirklich passiert ist, wissen wir nicht. Aber da wir heute der „Madonna del Miracolo“ gedenken, sollten wir die Muttergottes bitten, in uns ein ähnliches Wunder zu wirken, um uns in die Apostel der Endzeit zu verwandeln, wie sie vom hl. Ludwig Grignon von Montfort vorhergesagt wurden.

Zweitens. könnte dieses göttliche Eingreifen eine Strafe für die Welt sein, wegen der Annahme der Revolution und aller Zugeständnisse an sie und vor allem für die in der katholischen Kirche begangenen Sünden. Um klarer zu sein, für die Akzeptanz des Progressismus innerhalb der Kirche sogar in ihren höchsten Gipfeln.

Ich beziehe mich auf die Züchtigung, die die Muttergottes in Fatima vorausgesagt hat, in der viele Nationen verschwinden werden. Das Sonnenwunder, bei dem sie ihre Umlaufbahn verlassen und auf die Erde zu fallen schien, scheint eine kosmische Züchtigung vorauszusagen, in der das Gleichgewicht der Sonne auf Geheiß der Gottesmutter verändert werden kann. Was wäre die Konsequenz in unserem Sonnensystem, wenn die Sonne tatsächlich wanken und ihren Kurs für eine kurze Zeit ändern würde? Ein solches kosmisches Ungleichgewicht könnte alle Arten von meteorologischen Katastrophen auf der Erde hervorbringen und unzählige Dinge und Menschen zerstören.

Selbst danach werden viele der Menschen, die diese Katastrophen überleben, noch das Wunder einer Bekehrung wie die, die Ratisbonne erlebt hat, nötig haben.

Beide Perspektiven deuten auf grandiose Wunder hin, die notwendig sind, um die gegenwärtige Menschheit auf den richtigen Weg zu bringen und die Herrschaft Marias zu ermöglichen, wie sie sie in Fatima voraussagt hat.

Um auf solche Wunder vorbereitet zu sein, würde ich raten, das Memorare zu beten, das Gebet, das Ratisbonne vor seiner Bekehrung betete. Wir sollten es oft beten und die „Madonna del Miracolo“ bitten, uns diese beiden Wunder und den Sieg der Heiligen Kirche über die Revolution zu geben.

Aus einem Vortrag "Santo do Dia"
Freie Übersetzung aus dem Englischen bei TIA


Dienstag, 25. Juli 2017

Plinio Corrêa de Oliveira und die hl. Theresia vom Kinde Jesu

Pontifikal in der Kirche der Benediktinerabtei in São Paulo
Predigt von Weihbischof Athanasius Schneider im Pontifikalamt
zum Andenken an den 20. Todestag von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira
in der Kirche der Benediktinerabtei St. Benedikt in São Paulo, Brasilien

Liebe Brüder in Unserem Herrn Jesus Christus!
Nach dem Kalender der traditionellen römischen Liturgie, feiern wir heute das Fest der heiligen Theresia vom Kinde Jesu. Die göttliche Vorsehung hat dieses Fest mit dem Geburtstag von Plinio Corrêa de Oliveira zum ewigen Leben in Übereinstimmung gebracht. Die hl. Theresia war eine Prophetin der Neuzeit, als sie uns daran erinnerte, dass die Gnaden der geistigen Kindheit die wirksamsten Mittel sind, die persönliche Heiligkeit zu erreichen, und um gegen die bösen Geister und die Feinde der Kirche zu kämpfen. Die hl. Theresia hatte auch eine große Liebe zur Kirche und da Maria die Mutter der Kirche ist, war sie auch eine völlig marianische Seele. Ein authentisches Kind der Kirche zu sein bedeutet, zugleich eine marianische Seele zu sein. Die hl. Theresia schrieb: „Im Herzen meiner Mutter, der Kirche, werde ich die Liebe sein, so werde ich alles sein, so wird mein Traum in Erfüllung gehen.“
Diese feurigen Worte erklingen wie ein Echo im folgenden persönlichen Zeugnis von Plinio Corrêa de Oliveira im Jahr 1978, am Jahrestag seiner Taufe: „Das ist meine Haltung an jedem Tag, in jeder Minute, in jedem Augenblick: den Blick ständig auf die katholische Kirche gerichtet, um von ihrem Geist durchdrungen zu werden, um sie in mir zu haben. Und sollte sie von allen Menschen verlassen werden, und soweit dies möglich wäre, ohne dass sie aufhörte zu existieren, möchte ich sie vollständig in meiner Seele haben. Ich möchte nur für die Kirche leben. So dass ich in der Stunde meines Todes sagen kann: Wahrlich, ich war ein katholischer Mann, durch und durch apostolisch, römisch, römisch, römisch!“

„Vir totus catholicus et apostolicus plene Romanus.“ Die Inschrift, die wir auf seinem Grabstein lesen auf dem Friedhof Consolação (in São Paulo), gibt uns ein Überblick und eine Zusammenfassung seines gesamten geistlichen Lebens und der Mission, die ihm von Gott anvertraut wurde. Römisch, apostolisch, katholisch sein, bedeutet liebesentflammt für die Kirche sein, die Christus selbst ist als sein mystischer Leib. Die Kirche ist das Reich Christi durch Maria: „Regnum Christi per Mariam“, „Adveniat regnum tuum per Mariam“. Die Ankunft der vollständigen Verwirklichung des Reiches Christi in der Kirche durch Maria, das ist das Motto und der Kern der Lehre und den Apostolates des hl. Ludwig von Montfort. Man kann sagen, dass es der Kern, das Herz, des gesamten Lebens und Wirkens von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira war.
Einer der erfolgreichsten Wege, das geistliche Reich Christi durch Maria zu fördern, ist die vollständige Weihe an Maria, das heilige Sklaventum aus Liebe. Das heilige Sklaventum war der spirituelle Weg vieler Heiligen, die in der Schule des Heiligen Herzens, gelernt haben Gott zu lieben und seinen heiligen Willen zu tun. Heiligen wie die hll. Johannes Maria Vianney, Johannes Bosco, Dominicus Savio, Teresa, Gemma Galgani, Pius X., Pio von Pietrelcina und vielen anderen unserer Zeit haben in der vollkommenen Weihe an die Heilige Jungfrau nicht nur als eine einfache Andacht betrachtet, sondern als die perfekte Andacht, genau wie sie Jesus wollte, als er uns zu Kindern seiner heiligsten Mutter gemacht hat. Prof. Plinio hat dieses heilige Sklaventum nicht nur in aller Treue gelebt, sondern er wurde auch ein wahrer Apostel dieser totalen Hingabe an Maria.
Der hl. Ludwig Maria Grignion von Montfort
Der innigste Ausdruck der Ganzhingabe an Maria, das heißt, des heiligen Sklaventums, zeigt sich in dem Wunsch nach einer vollständigen und bedingungslosen Hingabe seines Lebens als ein Opfer, um das Reich Christi zu verbreiten und das Reich des Anti-Christen zu verdrängen. Die innere Stimme der Gnade, die zur Seele von Prof. Plinio sprach, hat ihn aufgerufen, den gegenrevolutionären Kampf aufzunehmen. Es war, wie ein prophetischer Blitz der die Wolken seiner Zukunft durchbrochen hat: er sollte nicht sterben, sondern leben, um zu kämpfen. In diesem Kampf gegen das gegenwärtige anti-christliche Reich wurde Prof. Plinio, im Geist der hl. Theresia, geführt vom Wunsch der Ganzhingabe seinerselbst als Opfer für die Kirche und für die christliche Zivilisation.
Im Zweifel zwischen dem Weg der Sühne in Abgeschiedenheit, wie es die hl. Theresia tat, die er zutiefst bewunderte, und dem Weg des offenen Kampfes gegen die Revolution zu wählen, schrieb Prof. Plinio: „Ich beschloss, einen Aspekt des von der hl. Theresia gelehrten Weges zu übernehmen, der darin besteht, Gott Unserem Herrn um nichts zu bitten und nichts zu verweigern. Er besteht darin, alles zu akzeptieren, dass er mir schicken möchte. ‚Si fieri potest transeat ad me calix iste.‘ Ich beschloss, den Kelch bis zur Neige trinken, den mir Gott reichen wollte, mein Opfer bis zum Ende zu vollbringen. Also hörte ich auf, Unserem Herrn irgendetwas für mich zu erbitten, und mich ganz in die Hände Unserer Liebe Frau hingeben.“
Mit alle Fasern seiner Seele wünschte Plinio Corrêa de Oliveira für die Verteidigung der Kirche und der christlichen Zivilisation zu kämpfen. Dieser Kampf schloss die Möglichkeit nicht aus, zu sterben. Er würde sich glücklich fühlen, wenn kämpfend sterben könnte. Ein Tod ohne Kampf war seiner Seele zuwider: „Sterben ist schön. Die Märtyrer sind gestorben, die Opfer der Französischen Revolution sind gestorben. Sich selbst als Opfer darzubringen ist schön! Ein Kranker, der im Bett stirbt, kann sich als Opfer darbringen. Die hl. Theresia vom Kinde Jesu hat sich als Opferlamm angeboten. Aber der Tod im Kampf hat seine eigene besondere Schönheit.“
Bei einer anderen Gelegenheit sagte er: „Das Schöne ist nicht Gott zu bitten, er möge uns den Kampf ersparen. Genau das Gegenteil ist Sache! Nie ist meine Berufung schöner, wenn ich kämpfen muss! Hier erscheint der Kampf in all seiner Pracht. So nimmt der Kampf den Charakter einer Bestätigung des Absoluten an. Gott wohnt in der Seele die kämpft. Wer für die Kirche und für die christliche Zivilisation kämpft, spürt in der Seele die Berührung der Absolutheit Gottes. Und das ist es, was einen zum Helden werden lässt, auch wenn er zerquetscht sterben sollte.“
Der Kampf Prof. Plinio war kein physischer und blutiger Kampf, wie sie zum Beispiel die Kreuzfahrer führten, aber ein kultureller und moralischer Kampf gegen die Feinde der Kirche, der typisch für die Zeit ist, in der er lebte. In diesem Zusammenhang schrieb er: „Ich gebe nicht mein Blut hin, aber mein ganzes Leben. Es sind Stunden um Stunden der aufmerksamen Beobachtungen, der Mühen, der Eingriffe, der Einsätze. Das ist mein Leben! Das ist mein Opfer, so dass jeder Hieb der Gegenrevolution ein Treffer ist. Ich tue dies mit dem Schwung, mit dem die Kreuzfahrer sich in den Angriff auf Jerusalem warfen. Es ist diese Dynamik, die mir den Mut gibt so viele Opfer zu bringen. Ich sehe jede kleine oder große Episode des gegenrevolutionären Kampfes nicht wie eine langweilige, schwer durchzuführende Tat, eine kleine Episode in meinem täglichen Leben. Nein! Im Kampf und im Opfer ist mein tägliches Leben in ein übernatürliches Licht getaucht, und projiziert sich auf eine viel höhere und schönere Ebene. In diesem Licht sehe ich die Schönheit all dessen, was ich tue.“
Er kämpfte für die Muttergottes: „Wenn ich die Wahl hätte, so würde ich gerne die Jungfrau lobend sterben, und trotz meines Alters, würde ich gerne kämpfend sterben, zum Beispiel in der Verteidigung ihres Bildes. Ich würde gerne in einer Kirche unter dem Altar begraben werden, so dass der Priester jedes Mal wenn er die Messe feiert, sie über meinen Körper feiert.“
Plinio Corrêa de Oliveira,
Prior des 3. Ordens der Karmelitaner
Die göttliche Vorsehung hat zwei Seelen zusammengeführt, zwei blühende Blumen im geistigen Garten des Karmel: die hl. Theresia und Prof. Plinio, der lange Jahre Mitglied und Prior des Dritten Ordens der Karmelitaner war, dessen Geist er sein ganzes Leben lang beibehalten hat. Diese zwei Seelen waren sehr unterschiedlich in ihren jeweiligen Außenmissionen, wie gleichartig in ihren inneren Leben. Eine Seele war die kleine Frühlingsblume von Lisieux, eine andere die von Prof. Plinio Corrêa de Oliveira, ein außergewöhnlicher ‚Miles Christi‘, ein wahrer Ritter Christi in unserer Zeit. Nur Gott könnte eine kleine Frühlingsblume und einen furchtlosen Ritter vereinen. Doch diese Seelen waren vereinigt in der flammenden Liebe zur die Kirche, zur Heiligen Jungfrau Maria, im bedingungsloser Opferbereitschaft zu unserem Herrn Jesus Christus. Sie waren vereint in der Verteidigung des Reiches Christi auf Erden durch Maria: Ad Jesum per Mariam!
Der Schlüssel zum Verständnis des intensiven geistlichen Lebens und den heroischen Eifer für das Reich Christi, dieser beiden auserwählten Seelen ist die Vermittlung Mariens. Beiden lächelte die Madonna in jungen Jahren zu und wählte sie als bescheidene Instrumente, um die Mächtigen dieser Welt und das Reich des Bösen zu verwirren.
Am Festtag der hl. Theresia, den zwanzigsten Jahrestag des Ablebens von Plinio Corrêa de Oliveira, hören wir die Worte der Heiligen von Lisieux: „Ich möchte singen, o Maria, weil ich dich liebe. Dein Name ist so süß, dass er mein Herz zum Schwingen bringt. Bald fühle ich die Harmonie deiner Stimme. Bald werden wir dich im schönen Himmel sehen. Du, die du gekommen bist und mir zulächeltest in der Morgendämmerung meines Lebens, komme wieder und lächele mir noch einmal zu. Liebe Frau, der Tag neigt sich. Aber ich habe keine Angst vor dem erhabenen Glanz deiner Herrlichkeit. Mit dir habe ich gelitten und gekämpft, und jetzt will ich auf deinem Schoß singen, o Maria, weil ich dich liebe. Ich werde für alle Ewigkeit immer wiederholen: Ich bin deine Tochter!“
Amen.

Sonntag, 16. Juli 2017

Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens


Plinio Corrêa de Oliveira


Eines der Merkmale der Verehrung, die wir unserer Lieben Frau schulden, besteht sicherlich darin, dass sie von großer Zärtlichkeit begleitet ist. Und doch besteht die Verehrung aus mehr als nur Zärtlichkeit, Überschwang und Gemütsbewegung.

Um beständig zu sein, ist es wichtig, dass die Marienverehrung auf präzise, exakte und logische Kenntnisse gründet. Nur aus der guten Kenntnis der Wahrheit kann eine dauerhafte und ehrliche Liebe hervorgehen. Die Frömmigkeit muss durch die eingehende Beschäftigung mit der katholischen Lehre bestärkt werden. In dieser wird sie nämlich ihr bestes Fundament und ihre wahre Wurzel finden.

Wenn die Kirche die Weihe von Völkern, Bistümern, Familien und Einzelpersonen an das Heiligste Herz Jesu oder an das Unbefleckte Herz Mariens fördert, so will sie damit erreichen, dass die auf diese Weise Geweihten Elemente, den Entschluss fassen, auf eine ganz besondere Art dem Herzen Jesu oder dem Herzen Mariens anzugehören, indem sie treuer die Gebote befolgen, sich die heiligen Herzen zum Vorbild nehmen und dafür im Gegenzug deren ganz besondere Gunst und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Weihe ist daher nicht einfach ein Ritus oder eine vage Formel, die im Augenblick frommer Gemütsbewegung ausgesprochen wird. Sie ist vor allem ein wohl durchdachter, bewusster, gewollter und tiefgreifender Akt, der mit dem Vorsatz einer vollkommeneren Eingliederung in das Leben und in die Lehre der heiligen katholischen Kirche verbunden ist, denn nur so ist es möglich, wirklich Jesus und Maria anzugehören.

Es ist leicht zu verstehen, dass eine solche Weihe sowohl von äußerst tugendhaften Menschen vorgenommen werden kann, als auch von solchen, die noch die ersten Gehversuche auf dem Weg zur Vollkommenheit im geistlichen Leben machen. Für die Einen wie für die Anderen ist der Weiheakt von großem Nutzen, weil er auf den, der ihn ausführt, den ganz besonderen Schutz der göttlichen Vorsehung herabruft und ihm damit außergewöhnliche Heilsgarantien versichert.

Viele Katholiken verstehen sehr gut, dass sich jemand dem Heiligsten Herzen Jesu weiht, denn diese vortreffliche Übung ist schon sehr häufig vollzogen worden und die Zahl der dem Herzen Jesu geweihten Familien ist heute - Gott sei Dank! - sehr groß. Sie tun damit ihren festen Vorsatz kund, ihr Leben dem des Heiligsten Herzens Jesu anzupassen und ein wahrhaft frommes, christliches Leben zu führen. Auf diese Weise heiligen sie ihre Standespflichten, indem sie diese im Geiste einer übernatürlichen, opferbreiten Einstellung leben. Für den Erfolg dieser Vorsätze und den Empfang aller damit verbundenen Gnaden empfehlen sie sich ganz besonders dem göttlichen Herzen, das die eigentliche Quelle  alles Guten ist.

Doch allgemein wird der Weihe zum Unbefleckten Herzen Mariens leider weniger Verständnis entgegengebracht. Vielleicht gibt es auch einige, die in den angesprochenen Weihen einen Widerspruch sehen: Wie kann man gleichzeitig zwei Herren angehören, zwei Herzen gehorchen? Widerspricht sich das nicht? Schließt da nicht eine Weihe die andere aus?

Nichts ist haltloser als das. In Wirklichkeit ist die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens eine Ergänzung der Weihe an das Heiligste Herz Jesu. Doch nicht eine überflüssige Ergänzung sondern zweifellos eine kostbare und bewundernswerte Ergänzung, die der Weihe an das Herz Jesu eine wunderbare Wirklichkeit und Vollkommenheit verleiht.

Das Herz Mariens ist par excellence das Reich des Herzen Jesu. Die Einigkeit dieser beiden Herzen ist so vollkommen, dass es Autoren gibt, die sie sozusagen zu einem einzigen Herzen verschmelzen, in dem sie vom Herzen Jesu und Maria sprechen. Die ganze marianische Frömmigkeit gründet auf diese Grundwahrheit, das Maria der Kanal ist, durch den man zu Jesus kommt, Sie ist das Tor, das Leben, der eindeutige Weg, auf dem wir mit höchster Sicherheit, schneller, leichter Unseren Herren Jesus Christus erreichen. So ist die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens das sicherste, leichteste und schnellste Mittel die Vollkommenheit der Weihe an das Herz Jesu zu erreichen.

Einen Weiheakt zu vollziehen ist sicherlich leicht. Sich aber ehrlich, ernsthaft und gewissenhaft weihen, ist jedoch viel schwieriger. Um die notwendigen Bedingungen für eine vollkommene Weihe an Jesus zu erfüllen, ist nichts besser, sicherer, zweckmäßiger als uns Maria zu Weihen.

Christozentrisch denken bedeutet in Jesus Christus die Mitte von allem zu betrachten. Doch der wahre Christozentriker aber weiß, dass es nur einen wahren Weg gibt, der zur Mitte führt; und dieser Weg ist Maria.



*****

Die Weihe an das Unbefleckte Herz Mariens ist aktueller denn je. Mehr denn jemals zuvor braucht die von Missgeschicken jeder Art geplagte Welt ein mütterliches Herz, dass sich ihrer erbarmt. Daher ist es mehr denn je nötig, dass wir uns an das Herz unserer Mutter wenden, dass wir es anflehen, seine empfindlichsten Fasern rühren, seine innigsten Saiten schlagen, um all seine Barmherzigkeit, all seine Liebe, all seine Hilfe zu erlangen.

Wenn Papst Pius XII. die ganze Welt dem Herzen Mariens geweiht hat, so lasst uns seine Geste nachahmen und gleichsam ergänzen, indem wir uns vorbehaltlos demselben Unbefleckten Herzen weihen. Auf diese Weise werden wir dem Wunsch des Papstes entsprechen und dem von der göttlichen Vorsehung festgelegten Weg folgen.


Legionário Nr. 575,  15.8.1943

Sonntag, 2. Juli 2017

Mariä Heimsuchung - Das Magnifikat





Plinio Corrêa de Oliveira
     Das Fest Mariä Heimsuchung ist verbunden mit dem Magnifikat, das die Muttergottes bei dieser Gelegenheit gesungen hat.

     Das Magnifikat scheint mir ein Meisterwerk von folgernden Überlegungen, die den Geist Mariens sehr klar anschaulich machen, das heißt, es zeigt uns die logische Struktur ihres Geistes. Es zeigt uns auf erstaunlicher Weise, wie sie im äußersten Zustand der Freude und Verzückung die rationale Struktur eines Gedankenganges beibehielt.

     Es ist schön festzustellen, wie sie alle Eigenschaften Gottes vor allem im Hinblick auf seine Macht und Größe besungen hat. Dies ist einer falschen süßlichen Frömmigkeit ganz fremd, die sich fast ausschließlich auf die Barmherzigkeit Gottes fixiert. Sicherlich müssen wir auch die Barmherzigkeit Gottes rühmen auf Ewig, denn ohne seine Barmherzigkeit wären wir nichts. Doch darf man nicht einer Einseitigkeit verfallen und damit die göttliche Macht und Größe beiseite lassen oder gar vergessen. Beides, Barmherzigkeit und Macht, muss man in gleicher Weise immer berücksichtigen.

     Und das sieht man im Magnifikat: Es spricht von Größe und Macht aber auch von der Barmherzigkeit, als eine der Äußerungen der Größe Gottes.

    
Ich werde also das Magnifikat unter diesen zwei Aspekten kommentieren: 1. Es ist in seinem Gedankengang ein äußerst rationaler und strukturierter Text, der eine These beinhaltet, ganz im Gegensatz zu einer nur emotionalen Frömmigkeit. 2. Die Hervorhebung der Größe Gottes, jedoch mit einem glühenden Hinweis auf seine Barmherzigkeit.



   Das Magnifikat hat die Eigenschaften einer These.

   Die ersten zwei Verse sind die These:

    „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“

   Dann kommen die Gründe.

   Erster Grund:

    „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!“

    Sie preist Gott, weil er ein großes Werk vollbracht hat: Aus einer einfachen, demütigen Magd hat er eine Königin gemacht, die alle Geschlechter seligpreisen werden. Dies ist eine Äußerung der Macht Gottes.

    Ein anderer Grund:

    „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilige.“

    Er hat an ihr Großes getan, dies veranschaulicht  seine Größe. Deshalb preist sie den Herrn.

    Ein weiterer Grund:

    „Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.“
   
  Sie preist ihn, weil seine Barmherzigkeit sich über die Geschlechter, die ihn fürchten, hinweg ausbreitet. Auch dies ist eine Äußerung der Größe und der Barmherzigkeit Gottes.

    Man beachte, dass Gott sich nur derer erbarmt, die ihn fürchten, die also um seine Größe wissen und vor dieser Größe sich fürchten. Diese Furcht bedeutet nicht Ängstlichkeit sondern es ist eine ehrerbietige Furcht, Ehrfurcht genannt. Es ist die Furcht, die aus der Einsicht und Annerkennung der Größe, der Heiligkeit und der Güte Gottes kommt.

  Der nächste Vers gibt einen weiteren Grund, die Größe des Herrn zu loben:

    „Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten; er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind“.

    Gott ist groß und mächtig, nicht im Verhältnis zu denen, die ihn fürchten, sondern zu denen, die ihn nicht fürchten. Diesen gegenüber hat er die Macht seines Armes kund getan und zerstreut die Bösen, in deren Herzen sich hochmütige Gedanken bilden.

    Gott ist groß in seiner Fähigkeit diejenigen zu treffen, die ihn nicht fürchten.

    Hier offenbart sich die Größe Gottes in seinem Zorn, nachdem die Größe seiner Barmherzigkeit gelobt wurde.

    Wir sehen hier, wie dieser Lobgesang ausgeglichen ist, wie er die Größe Gottes in all seinen Eigenschaften verkündet. Wie ist das doch verschieden von der Einseitigkeit der süßlichen Frömmigkeit, die Gott nur unter der Sicht der Barmherzigkeit und der Nachgiebigkeit betrachtet, ohne den Ausdruck seiner Größe einzubeziehen.

    Ein weiterer Grund:

    „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“.

    Die Mächtigen von ihrem Thron stoßen, bedeutet nicht, jemanden, der auf eine Thron sitzt und Macht hat, herunterzustürzen und durch einen Niedrigen zu ersetzen. Dies wäre ein Unsinn, denn dieser Niedrige würde ja sofort mächtig sein und müsste ebenfalls dann gestürzt werden. Wenn der Vers sagen würde, er stürzt die Mächtigen vom Thron und macht alle gleich, dann hätte es einen schlechten Sinn, wäre aber doch sinnvoll.

    Aber diese Art von Riesenrad von der Erhöhung der Niedrigen und dem Sturz der Mächtigen, um dann die mächtig gewordenen Niedrigen wiederum zu stürzen, macht keinen Sinn. So darf das nicht verstanden werden.

    Wer ist dann der Mächtige und wer der Niedrige? Der Niedrige oder Demütige ist der, der sich so verhält wie Maria in diesem Lobgesang: Er erkennt Gott alles zu, sieht Gott als den Ursprung alles Guten, die Quelle aller Macht, ohne dem wir in der übernatürlichen aber auch in der natürlichen Ordnung nichts vermögen. Er ist die Mitte aller Dinge und der Herr, der über alles gebietet.

    Niedrig waren zum Beispiel die Mächtigen, von denen Maria abstammte und dadurch auch Jesus abstammte. David war ein mächtiger König, der in seiner Machtausübung starb. Er war aber demütig (niedrig), weil er ein Diener Gottes war und alles das einsah.

    Die Mächtigen, von denen im Lobgesang der Muttergottes die Rede ist, sind diejenigen, die das nicht einsehen, die meinen ihre Macht ohne den Beistand Gottes ausüben zu können.

    Deshalb stürzt Gott die Mächtigen und erhebt die Niedrigen. Dies ist ein Ausdruck der Größe Gottes, der über jede menschliche Macht lacht und spottet. (vgl. Ps 2,4)

    Er überträgt Macht dem Demütigen und dieser wird mächtig; er nimmt die Macht des Hochmütigen, der nur sich selbst vertraut, und er wird zu Nichts.

    Es ist die Größe Gottes, neben der menschliche Größen nichts sind.

    Nächster Vers:

    „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

    Die Hungernden, die Armen im Geiste, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, diese beschenkt er reichlich mit Gaben. Die, die nicht nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die den irdischen Gütern behaftet sind, lässt er leer ausgehen. Das heißt, die Reichen sind nichts für ihn. Gott macht aus Reiche Arme und aus Arme Reiche wie es ihm beliebt.

    Im nächsten Vers vernehmen wir einen weiteren Ausdruck von Gottes Größe: Den Schutz, den er dem auserwählten Volk verleiht.

    „Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

    Das heißt, auch in dem, was Gott verspricht, ist er großzügig: Er erhält seinen Bund bis ans Ende.

    Wir stellten also fest, wie dieser Lobgesang eine These beinhaltet, die bis zum Schluss begründet wird und wie ausgeglichen die Größe und Barmherzigkeit Gottes besungen werden. Die Größe Gottes in seiner Barmherzigkeit; die Größe Gottes in seiner Gerechtigkeit; die Leere aller Menschen im Angesicht Gottes; die Herrschaft Gottes über das ganze Universum. Es ist eine Triumphhymne an die Größe Gottes.

    Als Elisabeth Maria begrüßte und sie als gesegnet unter allen Frauen und Mutter des Herrn preiste, zeigte sie, dass sie sich als ein Nichts vor der unendlichen Größe Gottes betrachtete. Sie gab dies auf hervorragende Weise in dem Lobgesang zum Ausdruck, mit einer Ausgeglichenheit der Gefühle, in einem rationellen Aufbau der Begründungen ihres Lobpreises, dass man ihn mit dem Argumentenaufbau der Summa Theologica des Thomas von Aquin vergleichen kann.

      Diesen Lobgesang dichtete sie unter Eingebung des Heiligen Geistes, als sie von Elisabeth gegrüßt wurde. Doch in ihren wenigen Äußerungen, die im Evangelium registriert sind, ist die rationale, logische Eigenschaft ebenfalls sichtbar. Als ihr, zum Beispiel, durch den Engel mitgeteilt wurde, dass sie die Mutter des Erlösers sein würde, antwortete sie mit einem reinen rationalen Einwand: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?“ Sie hatte ja das Jungfräulichkeitsgelübde abgelegt. Als der Engel ihr erklärte, wie es geschehen sollte, antwortet sie fast wie in einem Syllogismus: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort“.

      Ihre Antwort ist ein Folgesatz: Sie erwähnt ein Prinzip und die entsprechende Folgerung.

      Ebenso als sie den Knaben Jesus im Tempel wiederfindet: Ihre voll Kummer und Angst gestellte Frage, erfordert wiederum eine Erklärung: „Kind, wie konntest du uns das antun? Dein Vater und ich haben dich voll Angst gesucht.“

      Hier verstehen wir, dass der katholische Geist rational sein muss, voller Vernunft, Denkvermögen und Dichte in allem, was er tut und sagt.



      Die Muttergottes, Sitz der Weisheit, steht für uns als Vorbild der Zweckmäßigkeit, der Erwägung und der Mäßigung im Denken und Sagen. Wenn wir das Magnifikat analysieren, werden wir sehen, dass es kein überflüssiges Wort enthält, kein Gedanke, der nicht am richtigen Ort wäre. Es ist ein vollendetes Kleinod, an dem jeder Stein seinen eigene Schliff hat, um insgesamt ein prachtvolles Bild zu geben.

  Hier haben wir ein Bild vom Geist Mariens, der viel erhabener ist, als die läppische Gefühlsduselei und leere Begeisterung einer sentimentalen Frömmigkeit. Es ist etwas, was aus der Vernunft entspringt und nicht aus dem Eifer der Gefühle oder einer unüberlegten Spontaneität.



      So verstehen wir auf beschreibender Art, dass, was wir auf anderer Weise über die Muttergottes wissen: Sie ist der Sitz der Weisheit. Wir verstehen nun auch, was es heißt, den Geist Mariens zu besitzen und ihr Diener oder Sklave (wie es der hl. Ludwig von Montfort bezeichnet) zu sein. Es bedeutet, sich bemühen diese Weisheit, diese Ausgewogenheit,  zu besitzen, bei der die Vernunft vom Glauben beherrscht und geleitet wird und die Gefühle im Dienste der Vernunft stehen. So dass die Gefühle schwingen, wenn es die Vernunft zulässt und ihr Schwingen einstellen, wenn die Vernunft es so befiehlt. Und wenn die Gefühle nicht mit der Vernunft zum Schwingen kommen, so ist es die Vernunft die obsiegt und nicht die Gefühle. Dies sind geistige Regeln für die Nachfolge Mariens aus ihrem geistigen Hauptwerk, dem Magnifikat.

      An einem anderen Punkt möchte ich noch erinnern: Als Maria Elisabeth begrüßte und das Kind (Johannes) ihre Stimme hörte, hüpfte es in ihrem Leib vor Freude.

      Welche Freude empfinden wir, wenn wir die Stimme Mariens in unserem Herzen hören?

      Bitten wir der Muttergottes, dass sie neben den Prüfungen, die sie uns schickt, uns an diesem Feste außer den Gnaden, die sie uns schenken möge, uns auch Worte vernehmen lasse, die unser Herz mit Freude erfüllen und uns ermutigen alle Kreuze zu tragen, die uns auferlegt werden, um aufrichtig für sie bis ans Lebensende zu leiden.


Dieser Text ist übernommen aus einem informellen Vortrag von Professor Plinio Corrêa de Oliveira, den er am 2. Juli 1963 hielt. Er wurde übersetzt und angepasst für die Veröffentlichung ohne seine Überarbeitung.